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Noblesse oblige – Adel verpflichtet?

Während der Ortsteil Mörfelden mit Stolz auf eine lange rote Arbeiter-Geschichte zurückblicken kann – zeitweise führte die Gemeinde den Spitznamen “Klein-Moskau” – scheint es in Walldorf zuweilen ein wenig nobler zugegangen zu sein. Deutlich wird das an der Geschichte der „M. von Weinberg’schen Großgeflügelfarm” in der nach ihr
benannten Farmstraße.

Man sagt, die Eigentümerin hätte ihren Mann auf einem Fest des Golfclubs in Bad Homburg kennengelernt. Der wahrscheinliche Anlaß war jedoch das erste internationale Tennistournier, das 1894 in Bad Homburg stattfand. “Wenn die  führenden deutschen Zeitungen dieser Epoche regelmäßig über das Homburger Tournier berichteten, so war das nicht dem Interesse der Zeitung oder ihrer Leser am Tennis-Sport geschuldet, sondern dem einzigartigen Stelldichein des Hochadels in Homburg”, schrieb damals ein englisches Blatt. Unter den zahlreichen britischen Tournier-Teilnehmern befand sich 1894 auch seine Lordschaft Reginald Arthur Villiers Forbes, ein mit den Earls of Granard verwandter Adliger. Begleitet wurde er von seiner jüngeren Schwester, Ethel Mary Villiers Forbes, geboren 1866. Ebenfalls anwesend war Carl Weinberg, geboren 1861,Teilhaber und kaufmännischer Leiter der Casella – Farbwerke und zuständig für die ausländischen Zweigniederlassungen der Firma. Damals hatte er noch nicht das “von” im Namen – das wurde ihm erst 1908 vom Kaiser verliehen. Trotzdem nahm die Romanze ihren Lauf, und das junge Paar vermählte sich noch im gleichen Jahr in London. Die Ehe war glücklich. Zu ihrem 60. Geburtstag am 15. Dezember 1926 erhielt Ethel Mary, die gemeinhin “May” genannt wurde, von ihrem Gatten ein größeres Geldgeschenk, um sie in die Lage zu versetzen, sich einen Traum zu erfüllen: Eine Geflügelfarm. May war befreundet mit der Künstlerin Lina von Schauroth, die der Familie des Bauunternehmers Philipp Holzmann entstammte. Deren 1905 geborener Sohn Udo von Schauroth, von Beruf passenderweise Architekt, entwarf das zur Farm  gehörende, 1927 fertig gestellte Herrenhaus im traditionellen Landhausstil, mit einem kleinen Türmchen.

Die wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens war überaus erfolgreich. In der Zeit zwischen 1931 und 1934 wurden auf dem großen Farmgelände rund 15,000 Zucht- und Legehennen und um die 30,000 Küken gehalten. So stellte sich schon früh die Frage nach einer Betriebsleiterin. Bei soviel Adel, der die Erfolgsgeschichte bisher getragen hatte, konnte die Wahl natürlich nur auf eine Angehörige der Aristokratie fallen: Mathilde Maria Paula Prinzessin zu Solms-Braunfels, geboren 1894, dem Jahr der Eheschließung der glücklichen Farmbesitzerin. Die “Prinzeß”, wie sie im Volksmund genannt wurde, war in Walldorf bald bekannt wie ein bunter Hund. Mit ihrem Opel “10/40” war sie als eine der ersten Auto fahrenden Frauen überall unterwegs, denn die fortschrittlich organisierte Hühnerfarm lieferte ihre Produkte auch schon mal zum Luftfrachtversand an den Frankfurter Flughafen, damals noch am Rebstock. Ich erlaube mir an dieser Stelle, einen kleinen Irrtum zu korrigieren, der seit längerem durch die Walldorfer Geschichtsschreibung spukt: Dort wird die “Prinzeß” als eine “zu Solms-Ingelheim” bezeichnet, was leider nicht richtig ist. Entgegen der bisherigen Überlieferung lautet der Name korrekt– wie man im Adels-Almanach “Gotha” nachlesen kann – “zu Solms-Braunfels”. Der falsche Name kam wohl daher, dass im Melderegister des Jahres 1937 der Vermerk “verzogen nach Ingelheim” steht – leicht falsch zu lesen, weil der lange Adelsname der Prinzessin kaum in die engen Spalten des Verzeichnisses passte, die eher für den Eintrag normaler bürgerlicher Namen ausgelegt waren.

Und – hat diese Geschichte ein Happy End? Leider nein. Wenn sich auch, wie der Schriftsteller Bernt Engelmann einmal schrieb, “die Liste der höheren SS-Führer wie der Gotha liest”, so fanden sich doch auch unter den Adligen zahlreiche NS-Gegner. Bei den von Weinbergs aus einem sehr naheliegenden Grund: Carl und sein Bruder Arthur entstammten einer jüdischen Familie. Auf der Internetseite “Frankfurter Frauenzimmer” ist die Katastrophe in wenigen Sätzen zusammengefasst:

“In den 1930er Jahren verschlechterte sich der Gesundheitszustand May v. Weinbergs drastisch. Auch die 1936 unternommene Weltreise mit ihrem Mann in klimatisch erträglichere Länder veränderte nichts. Im Januar 1937 verstarb die große Wohltäterin und Mäzenin Frankfurts. Zwangsverkauf ihrer Liegenschaften und ihres Besitzes gezwungen. Carl von Weinberg gelang 1939 die Flucht ins italienische Exil nach Rom. Sein Bruder Arthur lebte bis 1942 in völliger Zurückgezogenheit in Pähl am Ammersee. Von dort aus wurde er nach Theresienstadt deportiert, wo er 1943 – wenige Tage nach dem Tod seines Bruders – starb.”

http://www.frankfurterfrauenzimmer.de/bp10-detail.html?bio=ai – aufgerufen am 30.03.2020

Im Dezember 1938 wurden die Brüder Arthur und Carl von Weinberg zum Zwangsverkauf ihrer Liegenschaften und ihres Besitzes gezwungen. Carl von Weinberg gelang 1939 die Flucht ins italienische Exil nach Rom. Sein Bruder Arthur lebte bis 1942 in völliger Zurückgezogenheit in Pähl am Ammersee. Von dort aus wurde er nach Theresienstadt deportiert, wo er 1943 – wenige Tage nach dem Tod seines Bruders – starb.”  Die “Prinzeß” verließ Walldorf im Jahr 1937, als Gauleiter Sprenger sich die Farm mit einem juristischen Trick unter den Nagel riß und starb, verarmt, 1962 in Bad Kreuznach

Man sollte angesichts dieser Geschichte meinen, dass das Herrenhaus in irgendeiner Form zu einem Gedenkort gemacht worden wäre. Noblesse oblige – adel verpflichtet?  Weit gefehlt: Die Stadt Mörfelden-Walldorf duldete 2006 seinen Abriss. Von Denkmalschutz keine Spur.

Veröffentlicht inOrtsgeschichte Mörfelden-Walldorf