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Rückblick auf einen Skandal: Die AWO geht stiften (Leserbrief vom 25.09.2014)

Handläufe sind ja bekanntlich Mangelware in unserer Stadt. Das historische schmiedeeiserne Geländer der Mörfelder Bahnhofstreppe z. B. kam bei der Renovierung des “Bahnhofsumfeldes” spurlos abhanden. Es musste für teuer Geld durch einen modernen, wahrscheinlich weniger lange haltbaren Handlauf ersetzt werden. An einer anderen Stelle am Bahnhof dauerte es über ein Jahr, bis eine gefährliche Stelle durch Anbringung eines Geländers gesichert werden konnte.
Auch an Walldorfer Bahnbrücken sieht’s geländermäßig gar nicht gut aus.

Also hat jetzt die AWO einen Handlauf für das Bürgerhaus gestiftet, um eine Treppe seniorenfreundlicher zu gestalten.

Die AWO? Genau, das ist der gleiche Verein, dem die Johanna Kirchner Stiftung gehört. Die ist gerade dabei, sich aus dem Vertrag für den Betrieb des Altenhilfezentrums herauszuwinden und die Senioren sitzen zu lassen, weil das Zentrum angeblich Miese macht. Den Betrieb hat man schon bis an die unterste Grenze heruntergefahren (was würde die namensgebende Widerstandskämpferin Johanna Kirchner wohl dazu sagen?). Nun gut, das Geld für den Handlauf kommt jetzt nicht direkt von der AWO, sondern stammt aus Trauerspenden für einen verstorbenen SPD/AWO-Promi. Aber immerhin reicht das noch für eine Schlagzeile und ein werbewirksames Foto in der Presse, mit Witwe und Bürgermeister, bevor sich die AWO-eigene Stiftung aus Mörfelden verabschiedet.
Irgendwie kommt einem der Dreh bekannt vor: Der Turnschlappenhersteller NIKE hatte sich vor ein paar Jahren aus dem Mörfelder Industriegebiet verabschiedet und die Stadt auf fest eingeplanten Gewerbesteuereinnahmen sitzen gelassen. Vorher stiftete die Firma aber noch ganz viele Schildchen mit ihrem Logo. Die kennzeichnen im Mörfelder Wald einen Jogging-Pfad und sorgten für ein

prima Medien-Echo. Dieses Vorgehen scheint also Schule zu machen: Erst was stiften, dann abhauen. Vielleicht nennt man den Vorgang deswegen auch “stiften gehen”.

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